Und so beginnt es...
[Bilder vom 09.05.07]
Inhalt
Vorheriger Eintrag
Nächster Eintrag
Mittwoch
war ein grosser Tag für die Menschheit!
Also auf jeden Fall für den Teil der Menschheit der extra nach Kourou gedüst ist um dort in fast schon fanatischer Verwunderung zuschauen will, wie harmloses und sonst eigentlich unschuldiges Laub vermodert.
Umm, ein kleiner Teil der Menschheit also, aber ein GROSSER TAG!!!
Heute haben wir nämlich usere in den letzten Tagen und Wochen vorbereiteten Laubproben ins Feld gebracht und somit das Experiment endgültig gestartet. Von nun an wird im Bach dekompostiert, oder wie man dem auch immer auf Deutsch sagen will.
Viel Gekrabbel kann ich Euch heute leider nicht präsentieren, denn wir hatten neben der Feldarbeit nicht viel Zeit um nach Getier zu suchen. Erst gibt’s eh ein kleines Verkehrstechnisches Intermezzo:
Das Abenteuer begann nämlich schon wenige Kilometer nach Kourou. Nach kurzer Fahrt über einsame Strassen, links und rechts gesäumt von Urwaldriesen merke ich dass die Tankanzeige schon fies nahe bei “E“ steht – was ja bekanntlich “Empty“ bedeutet und nicht “Enough“. Tankstellen sind ja im Urwald eher selten. Trotz meinen Erfahrungen als vHornet-Pilot – einer Spezies Mensch die jede Tankanzeige mit fast schon religiöser Erfurcht behandelt – wurde ich überstimmt und wir fuhren weiter in die Pampa hinein.
Nahe der Versuchsstelle angekommen machten wir uns bereit: Gummistiefel montiert, Sackmesser und Kompass verstaut, Wasser gecheckt, und mit 36 halbmetrigen Armierungseisen, Hammer, 500 Kabelbindern, drei 30m und zwei 20m-Ketten, Machete, Temperaturloggern, nicht funktionierendem Multimeter und anderen Lebensnotwendigkeiten beladen ging’s dann los!

Sehr
schnell wurden wir wiederum von der grossen grünen Tiefe verschluckt und
schlugen uns mit Ketten klingelnd und schwitzend durch
den Dschungel, verfolgt von Moskitos, Vipern, Jaguaren und in erster Linie
von einer blühenden Phantasie...

Beim
Bach legten wir jeweils ein Kettenstück aus und verteilten die mitgebrachten
Probenbeutel mit zufälliger Anordnung entlang der
Kette so, dass ca. 40cm Abstand zwischen einzelnen Laubsäcken war (l.). Mit
Kabelbindern – einer der coolsten Erfindungen seit wir aus
den Bäumen fielen – wurden die Beutel an der Kette befestigt.

Seht Ihr
wie schnell wir arbeiten?!? Andy verschwimmt grad im
Matrix-Style…

Die
fertige Kette wird dann elegant um einen
Arm gewickelt, in den Bach getragen, dort
ausgelegt und mit den Armierungseisen auf dem
Substrat fixiert. Auf dem Bild zu sehen zwei
Hämmerli…
Wassergekühle Stiefel und Hosen sind übrigens etwas herrliches im Wald – ausser man steht fünfmal ins selbe gurgelnde 40cm-Schlammloch. Schade wenn man kein Kurzzeitgedächtnis hat! Ich hab es nämlich geschafft, grad fünfmal hintereinander in das gleiche Schlammloch zu stehen und dabei fast den Stiefel stecken zu lassen. Auch immer wieder witzig: mit dem eigentlich sonst ganz praktischen Hut seine Umwelt so zu verdecken, dass man die Bäume grad gar nicht mehr sieht und ab und zu mal gerade unter einem dicken Ast aufzustehen... *PLONK!*

Wie
Krötenlaich windet sich schlussendlich ein ganzer Block von 50 Laubproben durchs
Gewässer und auch terrestrische Ökologen
bewundern die elegante und praktische Ketten-Methode der Aquatiker.

Schliesslich sind alle Proben in ihren fünf über etwa 300m verteilten
Blöcken versenkt und man ist zum Abmarsch bereit. Verschwitzt,
zerkratzt und dreckig, aber happy!
Und Laub vor dem Gesicht gehört laut Andy einfach zum
Urwaldimage dazu, meint er.

Links noch der äusserst hübsche Bach in einem von uns in Ruhe gelassenen
Abschnitt. Genau so was
wolltest Du doch immer im Wohnzimmer haben, oder Schwesterchen? Es ist
einfach toll, mitten im
Wald zu stehen und um sich herum all die grünen Riesen stehen zu haben!
Prächtig!!!
Vor dem
Zurückgehen von Block 5 zum Auto fragt Stephan ob wir den Autoschlüssel gesehen
hätten, den er an einer ganz offensichtlichen Stelle an “den Baum“ (?!?) gehängt
habe, oben bei Block 1. Wir lachen natürlich ob seinem Urwald-Humor.
Stephan aber kann wirklich kaum glauben das wir den Schlüssel nicht mitgenommen
haben, sei er doch so gut sichtbar genau über einer unserer Ketten platziert.
Ernüchtert trampen wir also wieder Flussaufwärts (durch Vipern-infiziertes und
Dornen-bewehrtes Gestrüpp, wohlgemerkt…) zu Stelle 1, wo wir den Schlüssel auch
tatsächlich finden. Der Schlüssel muss wohl (wie so manches...) durch meinen
breiten Hutrand verdeckt gewesen sein als ich die darunter liegende Kette
aufsammelte.

Dafür finden wir auch noch schöne Bromelien, wie man sie in
heimischen Breiten in erster Linie aus Wintergärten und Blumen-
läden kennt.

Und überall saftigstes Grün! Nein, das Blatt auf dem rechten Bild Blatt haben
nicht verwirrte Biologen
in den Baum geheissleimt, sondern ein paar scheinbar gar nicht so verwirrte
Ameisen: Unter dem
schützenden, mühsam an den Stamm geklebten Blatt bauen die nämlich ihr Nest!
Bestückt
mit Schlüssel haben wir uns wieder aus dem Wald herausgearbeitet, wo wir wieder
mal von Dornen, Stacheln und einem ganz fiesen, klebrigen sägeartigen Gras
zerstümmelt wurden. Dieses Gras ist echt gemein: es sieht beim ersten Schritt
harmlos aus, schmiegt sich beim zweiten Schritt auf einer Länge von 15cm sanft
an die Haut an, und reisst Dir dann beim dritten Schritt einen schmerzhaften,
tiefen Schnitt in die Pelle! Zum Glück wächst das Killergewächs nur an den
relativ hellen Stellen am Übergang zwischen Wald und gerodeten Bereichen...
Etwas ganz interessantes ist übrigens auch die Navigation und Kommunikation im
Urwald: Schall wird sehr schnell aufgeschluckt und man kann kaum jemanden
sprechen hören, der nur etwa 20m entfernt ist! Distanzen sind schwer
abzuschätzen und noch schwerer zu überwinden (da liegt aber auch 'ne Menge
organisches material rum sag ich Euch!). Und nur mit etwas Übung und viel
Konzentration sieht man ob man schon mal hier war, und in welche Richtung man
gehen sollte um die Strasse wieder zu finden. Für viele mag das sehr unheimlich
wirken, aber es ist gleichzeitig auch super schön mal echt tief im Dickicht zu
stecken und so richtig dem Wald ausgesetzt zu sein!

Kaputte Ökologen...
Schliesslich gönnen wir uns wieder einen Lunch, diesmal mit Brot, Salami und komischerweise Fondueartig geschmolzenem Käse (Note to self: St.Albery ist nix für ein in der Tropensonne parkiertes Auto...). Die Zitrusfrucht auf dem Tisch ist übrigens ne tolle Sache: Die Shadek lässt sich absolut Saft- und Tropffrei handhaben, enthält aber erfrischenden Saft und feines Fruchtfleisch zum Abwinken! Es ist so wie eine Art Grapefruit mit ca. 3cm dicker Schale, die sich übrigens auch toll als Serviette eignet und ach das verfettetste Sackmesser wieder blitzblank kriegt. Zudem ist die Verpackung 100% in der Natur abbaubar.
Und ganz
fies: der fast leere Tank unseres Autos fiel auf dem langen Rückweg nie in die
Reserve und mein Pessimismus konnte nicht bestätigt werden. Naja, immerhin
mussten wir den Berlingo nicht nach Kourou zurückschieben. Unterwegs
haben wir dann noch unseren Abend verplant, und uns ganz klar für PTP
entschieden!
PTP steht dabei nicht für Post-Transzendale-Psychose sondern für Pool
& Ti’Punch!!! Ich hätte zwar gerne noch den Kürzel “–M“ angehängt,
denn nach dem Geschleppe und Gebücke hätte uns eine Massage wirklich gut getan,
aber leider mussten wir mangels Knetkräften darauf verzichten.
(Anm.d.Aut.:
interessierte Masseusen die Kourou kennen lernen wollen melden sich doch bitte!)

Scheinbar dürfte ich so ein Bild gar nicht veröffentlichen, da wir ja nicht
in den Ferien sind! Aber mir ist das ja so was von egal…

Und hier schliesslich noch - brav nach den heiligen
Regeln des PTP - von links vorne nach rechts hinten:
- Ti’Punch
- Zutaten
- heruntergekämpfter und den Abend geniessender
Doktorand…
Zum Abendessen gab’s was sehr untypisches für das tropische Frankreich: währschafte Nidwaudner Äuplermaggronä, begleitet von einem Tomaten-Blattsalat mit Crevetten-Vinaigrette. Wer bei mir damals (gewisse erinnern sich sicher mit Schaudern...) das Alpine Pastagericht vorgelegt bekommen hat kann sich beruhigen: dieses Mal habe ich die Zwibeleschweizi nicht mit Olivenöl gemacht und die Makkaronen waren sogar richtig lecker! Bloss das Migi-Moscht fehlte natürlich ein bisschen...